Kansai - Narita - Kansai
Gather around, people, gather around. I have a story to tell. Im heutigen Spin-Off, nicht zuletzt weil sich unser bisheriger Protagonist nach zweifelhaften Eskapaden in die selbstverordnete Entziehungsklinik eingewiesen hat, werfen wir ein Augenmerk auf einen bis dato eher vernachlässigten Charakter. Die heutige Geschichte um unseren Protagonisten sucht ihresgleichen. Nein, wirklich, das kann man wörtlich nehmen. Wenn jemand eine ähnliche Geschichte gesehen hat oder kennt, möge man bitte mit jener Geschichte für ein freundliches Wiedersehen in Kontakt treten. Aber das ist ein anderes Thema. Unser Protagonist, mit Vornamen 正男 gesegnet, kommt aus sehr einfachen Verhältnissen. Bis zu seinem 17. Geburtstag konnte sich die Familie keinen Nachnamen leisten. 正男 bedeutet "der, der gerne Snickers zum Frühstück isst" und wird in Romanji Masao geschrieben. Ausgesprochen wird der Name allerdings Hildrun. Trotz oder gerade wegen seiner sehr einfachen Herkunft hat Masao sich in der Schule sehr bemüht, Bestnoten erzielt und findet sich jetzt auf dem Captainssitz eines A320 der PEACH wieder. Noch früh und dämmrig ist es, als Masao zum Outside-Check um die Maschine geht.

Vorbereitung ist die halbe Miete, das weiß er. Und so geht er gewissenhaft und sorgfältig die Daten im Flieger durch während um die Maschine die morgendliche Rushhour am Terminal 2, dem designierten LCC Terminal des Kansai Internation Airport, das Vorfeld in helle Aufregung versieht. Für einen kurzen Moment lehnt er sich zurück und bewundert das Getümmel. Unzählige Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Zielen und Träumen, im Drang der Zeit gefangen, eilen wie Ameisen einer Kolonie über das noch zierlich illuminierte Vorfeld. Nebenan räumt noch ab, wir lassen schon an.

Jetzt ist volle Konzentration gefragt. Aus Kostengründen, im Fachjargon auch oftmals als Effizienzsteigerung abgetan, gibt es keinen Pushback. Die Maschinen rollen aus eigener Kraft von der Position und verlangen den Crews einiges an koordinativen Fähigkeiten ab. Von einem kurzen Flashback gepackt, erinnert sich Masao an seine frühe Kindheit zurück. Er hatte auf der Farm seiner Eltern immer mit dem Dreirad Furchen in den Acker der Familienfarm ziehen müssen. Dabei kam es auch auf enge Radien an. Andernfalls würden im Winter die Fliederblüte der Karottenbäume nicht für ausreichend Ernte sorgen. Das hier war ähnlich. Zielsicher navigiert er also den weit über 60 Tonnen schweren Vogel aus seiner Abstellung.

Nach einem recht kurzem Rollweg in Richtung Bahn 06L kehrt im Cockpit absolute Ruhe ein. Mit drei kurzen Chimes wird die Kabinenbesatzung gemäß Prozedur über den bevorstehenden Startlauf informiert, diese wiederum informiert die Passagiere per PA und erinnert an die wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen. Im Flightdeck sind unterdessen alle Checks abgeschlossen.

Mit röhrenden Triebwerken kämpft sich sein Airbus wacker durch die Großwetterlage. Noch keine Zeit, sich anderweitige Gedanken zu machen.

Ab 10.000 Fuß übernimmt dann der Autopilot. Masao hat kurz Zeit zum Durchatmen. Und kehrt gedanklich sofort in seine Kindheit zurück. Man kann es nicht sehen. Aber erahnen, zumindest, wenn man hier aufgewachsen ist, so wie Masao. Aber irgendwo dort unten, in der Osaka Bay, dort hat er seine Jugend verbracht. Denn nachdem die Familienfarm aufgrund einer erheblichen Fehlkalkulation, der Vater hatte sich von einem geheimnissvollen Mann auf der Markt drei Bohnen andrehen lassen, in den Ruin getrieben wurde und auch die letzten Groschen beim Karpfenrennen verloren gegangen sind, wurde Masao von seinen Eltern schweren Herzens zur Obhut an die Verwandtschaft gegeben.

Die Kindheitsepisode, so schön sie ist, muss weichen. Nach knapp 50 Minuten befindet sich die Maschine schon im Anflug auf Narita. Dispatch hat einen Anflug auf die Bahn 34R vorgesehen. Also die Karten für die Bahn herauskramen, mit dem Co kurz über etwaige Details sprechen, die Crew hinten informieren - alles Routine. Trotzdem geht er im Kopf noch einmal alles durch. Besser Vorsicht, als Nachsicht. Noch schnell einen FIX in den Computer hacken. Damit es später besser klappt.

Um etwaigen fallenden Eisteilen vorzubeugen fahren wir exakt D13.6 ITJ das Fahrwerk aus. Ist zwar nicht unmittelbar vorgeschrieben im Anflug auf die 34R, allerdings sind wir ohnehin noch etwas schnell unterwegs. Da schadet der zusätzliche Luftwiderstand nicht.

Masao hat den Vogel trotz variablen Winds fest im Griff. Ein kurzer Blick nach unten. Nein, keine fliegende Schildkröte. Weder blau, noch grün, noch orange. Dort will er hin. Aber der Weg ist weit. Schnell die Augen zurück auf den Fixpunkt. Der Wind im letzten Moment kann hier manchmal tricky sein.

Selbstverständlich ging alles glatt. Aber dieser Blick darf einfach nicht fehlen. Da kommen direkt Kindheitserinnerungen hoch. Als Masao noch klein war und auf der Farm lebte, fernab anderer Kinder, war Scruffy sein einziger Freund. Scruffy, ein knapp 12 kg schwerer mittelsenegalesischer Hochland-Zwergenlachs, war ein festes Mitglied der Familie und durfte sogar mit im Haus leben. Allerdings war auch er schon in die Jahre gekommen. Erst recht, nachdem seine rechte Flosse nach einem Auffahrunfall neu lackiert werden musste. Das hinderte ihn aber nicht daran, zu apportieren.

Am Gate 55 angekommen ist endlich Zeit für eine kurze Pause. So sehr Masao die Fliegerei auch liebt. Aber die kurzem Umläufe der LCC können einen schon fordern. Während die Bodencrew die Koffer und etwas Fracht, keine Gefahrgut, aus- und wieder einlädt, sprintet Masao kurz ins Terminal um sich bei Mister Donut einen Kaffee, sowie ein mit Zucker übergossenes Schmalzgebäck zu gönnen.

Lange war die Pause dann aber auch nicht. Die Brücke ist schon ab, alle Prozesse abgeschlossen und die WOA hat schon den Pin gesetzt. Fix Checklisten lesen, Lichter einschalten und Freigabe einholen. Es soll zurück nach Kansai gehen. Diesmal als MM314.

Nur kurz war der Weg zurück von Position auf den Rollweg. Der Schlepper hat sich bereits verabschiedet. Die WOA zeigt den Pin. Ein Kollege ist mal mit Pin abgerollt. Er ist jetzt auf Entziehungskur. Sagt man. So genau weiß Masao das nicht. Er versucht sich von dieser Person zu distanzieren.

Raus soll es diesmal über die 34L gehen. Das ist fast, wie die 34R. Nur links davon. Und länger. Aus dem Grund geht Misao noch einmal die Take Off Performance Data durch. Die Maschine rollt derweil schnurgerade an den Wartungshallen der Platzhirsche vorbei. Im Hintergrund allerlei internationales.

Thrust set. Die Maschine setzt sich etwas leichter, als zuvor in Bewegung. Diesmal sind knapp 4 Tonnen weniger im Flieger, das merkt man. Trotzdem kämpft Masao ein wenig mit den Winden. Die Maschine schlingert leicht nach links und rechts. Unbeeindruckt hält er den Vogel aber relativ mittig.

Kaum in der Luft beginnt die Crew damit, sich Gedanken zu machen, wie der Vogel gebändigt wird. Narita ist sehr restriktiv was Ankunft und Abflug betrifft. Kurz noch einmal in den Karten gegenprüfen. Bestätigt. Bei 7000 ft ist erst einmal Schluss. Danach geht es fast 180° nach rechts in die Gegenrichtung.

Circa 20 Minuten vor dem Sinkflug haut es Masao dann noch einmal gedanklich zurück in die Jugend. Nicht unweit des Flughafens Itami hat er damals gelebt und zusammen mit seiner Cousine in Anflugnähe die intermodulare Knabenschule für angehende Mädchen besucht. Oftmals is der dann nach dem Unterricht mit dem Kanu zur Aussichtsplattform geradelt und hat sich die startenden und landenden Flugzeuge angeschaut. Nicht im Traum hätte er damals vermutet, je einmal Kommandeur eines solchen zu sein.

Mit Unwettern nahe des Platzes gemeldet ist die Anspannung im Short Final dann noch einmal um einiges höher, als in Narita. Der Wind hat auch eine Nummer zugelegt. Masao will sich keinen Patzer erlauben. Erst kürzlich wurde er zum Kapitän befördert. Er hatte dem Base Captain einen großen Holzsplitter aus dem Fuß entfernt. Dies hat selbigem dann den Tag versüß nachdem seine Laune an diesem Tag sehr schlecht war. Am Vormittag war eine Jugendliche in sein Haus eingebrochen und hatte zunächst von seinem Brei diniert und anschließend, zu allem Überfluss, in seinem Bett geruht.

Wieder alles gemeistert. Masao will es sich nicht anmerken lassen aber angespannt ist er. Aber Professionalität zeichnet sich durch Weitermachen aus. Uns so geht er zusammen mit dem Co die After Landing Items durch und bereitet den Vogel für das Ankommen auf Position vor.

Auf Position angekommen war es das heute für Masao. Zumindest was das Fliegen betrifft. Er darf jetzt noch zur Polizei, es gibt Neuigkeiten. Zwar gibt es keine direkte Korrelation, allerdings hat man Masao wissen lassen, dass ein Bandenmitglied verhaftet wurde, dass in Zusammenhang mit einer Razzia im Bohnenmarkt verhaftet wurde. Vielleicht endlich eine Spur um den Ruin der alten Familenfarm endlich aufzuklären. Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.





























































