Vielleicht gar nicht so Schlecht:
ZitatAlles anzeigenHartmut Mehdorn entwickelte sich als Bahn-Chef zum Prügelknaben der Republik. Doch jetzt ist er wieder da - als Übergangschef der Fluggesellschaft Air Berlin. Was viele nicht wissen: Die Branche kennt er gut.
Hartmut Mehdorn ist ein harter Verhandler. Wer je mit ihm an einem Tisch gesessen hat und es ging möglicherweise um das Thema Geld, fühlte sich schnell wie auf einem mittelalterlichen Pferdemarkt. Den Ministerialbeamten jener Länder, die mit ihm um Zuschüsse für den Nahverkehr ringen durften, kennen das und können noch heute ein Lied davon singen. In Niedersachsen beispielsweise ging es vor einigen Jahren um einen Großauftrag für Leistungen im Nahverkehr, den die Bahn erhielt.
Den Gesprächswechsel gibt ein Beteiligter heute so wieder: Der Beamte: „Die Bahn erhält also einen Zuschuss von 70 Millionen.“ Mehdorn wechselt das Thema und raunt hörbar seinem Protokollanten zu: „Notieren Sie, wir kriegen 90 Millionen.“ Der Beamte hakt ein: „70 Millionen hatten wir ausgemacht.“ Mehdorn, der bereits das nächste Thema vorträgt, unterbricht, wendet sich seinem Kollegen zu: „Schreiben sie auf, wir kriegen 85 Millionen.“ Am Ende erhielt er tatsächlich mehr, als der klamme Etat des Landes eigentlich hergab.
Beim Namen Hartmut Mehdorn denken die meisten an dessen Wirken als Chef der Deutschen Bahn von 1999 bis 2009. Da überrascht es zunächst, dass er nun als Interimschef die Fluggesellschaft Air Berlin führen soll. Doch vor seiner fast zehnjährigen Arbeit an der Spitze der Bahn hat der Maschinenbau-Ingenieur, der Ende Juli seinen 69. Geburtstag feierte, reichlich Erfahrungen in der Flugzeugindustrie gesammelt.
Bereits 1965 stieg er in der Branche ein und zwar beim Bremer Flugzeughersteller Focke-Wulf. Er brachte es bis in den Vorstand der Airbus-Holding in Toulouse und war dort zuständig für Produktion, Einkauf und Qualitätssicherung. Bei der Deutschen Aerospace AG (Dasa), in der Daimler-Benz seine Luft- und Raumfahrtaktivitäten bündelte, war er ebenfalls Vorstandsmitglied, zuständig für das Ressort Luftfahrt, und avancierte zum Chef der Deutschen Airbus GmbH. Die Airbus-Endmontage ist heute auch deshalb teilweise in Deutschland angesiedelt, weil der hervorragende Techniker und Organisator die Voraussetzungen dafür schuf.
Mehdorn war bei der Dasa so erfolgreich, dass er phasenweise als möglicher Nachfolger für den Chef Jürgen Schrempp galt, der 1995 an die Spitze von Daimler wechselte.
Auch weil er nicht zum Zug kam, verließ Mehdorn den Konzern und wurde im Jahr von Schrempps Abschied Chef beim Traditionsunternehmen Heidelberger Druckmaschinen, das er zum Anbieter kompletter Drucksysteme formte. Unter anderem weil er dort die interne Organisation rationalisierte, empfahl er sich in den Augen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) als Chef der Deutschen Bahn.
Die Führung des Staatskonzerns übernahm er auf Betreiben Schröders im Jahr 1999. Die Aufgabe: Mehdorn sollte „eine Mischung aus Behörde und sozialistischem Kombinat“, wie er es charakterisierte, teilprivatisieren und an die Börse bringen. Zwar schuf er eine neue Konzernstruktur, indem er aus fünf Unternehmensbereichen die drei Geschäftsfelder Personenverkehr, Transport/Logistik und Infrastruktur machte. 2009 musste er jedoch infolge einer Datenaffäre zurücktreten: Die Bahn hatte jahrelang den E-Mail-Verkehr ihrer Mitarbeiter systematisch gefiltert.
Als Mehdorn auf der Bahn-Bilanzpressekonferenz am 30. März 2009 - zusammen mit Rekordzahlen für das Jahr 2008 - seinen Rückzug bekannt gab, tat er das so „wie man ihn kennt: voller Empörung, ohne einen Hauch von Selbstkritik“, wie der Schweizer „Tages-Anzeiger“ schrieb. „Kaum ein deutscher Manager ist so häufig abgeschrieben worden, hatte so desolate Umfragewerte - und strotzte trotzdem so vor Selbstbewusstsein", konstatierte „Spiegel Online“.
Trotz unzweifelhafter Verdienste kann man nicht von einer Erfolgsbilanz sprechen: Dem Freund klarer Worte war der angepeilte Börsengang nicht gelungen. In Erinnerung ist auch geblieben, dass er mit der Einführung eines neuen Preissystems mit Anleihen aus dem Flugverkehr gescheitert ist, und im fast einjährigen Tarifstreit mit Lokführern 2007 und 2008 eine herbe Niederlage einstecken musste, als diese eine Lohnerhöhung um elf Prozent und zusätzlich eine Arbeitszeitverkürzung erstreikten.
Als Bahn-Chef hat er sich zum Buhmann entwickelt. „Mehdorn zieht durch seine Art Kritik auf sich. Er geht ihr nicht aus dem Weg und provoziert sie sogar“, sagt Markus Wacket, Autor des Buchs Mehdorn, die Bahn und die Börse. „Ihm macht das wenig aus. Dem Image der Bahn schadete er damit.“
Statt sich mit damals 66 Jahren in den Ruhestand zu verabschieden, zog der mit einer Französin verheiratete Vater von drei Kindern bereits im Juli 2009 als Non-Executive Director in das Board der Fluggesellschaft Air Berlin ein, die er nun übergangsweise steuern soll. Daneben beriet er die US-Bank Morgan Stanley und gründete im Februar 2010 in Frankfurt eine Bürogemeinschaft mit dem langjährigen Bahn-Finanzchef Diethelm Sack und dem Ex-Chef der Dresdner Bank, Herbert Walter.
Für seine Hobbies Segeln, Golf und Handwerken mit Metall wird der Berliner also künftig noch weniger Zeit haben. Dafür wird er verstärkt sein berühmt-berüchtigtes Verhandlungsgeschick einsetzen.
· Die Bahn-BilanzDer Umsatz der DB wuchs unter Mehdorns Ägide von 30 Milliarden DM 1999 auf 33,5 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2008. Der Gewinn lag 2008 bei 2,48 Milliarden Euro, die Zahl der Fahrgäste mit 1,9 Milliarden so hoch wie nie. Die Präsentation dieser Rekordbilanz war allerdings ein der letzten Amtshandlungen Mehdorns.
· Eine Dekade bei der Bahn1999 wurde Hartmut Mehdorn Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG (DB).Dort sanierte er zunächst den Personenverkehr und stellte dann die Logistiksparte deutlich globaler auf. 2005 verpasste er der DB eine schlankere Konzernstruktur und stellte 2008 die Weichen für den lange geplanten aber bisher gescheiterten Börsengang.
· Die Jahre bei Heideldruck1995 wurde Mehdorn Vorstandsvorsitzender der Heidelberger Druckmaschinen AG. diese gehörte damals zum Energiekonzern RWE, so dass Mehdorn auch im Vorstand saß, zuständig für Industrie-Beteiligungen. Mehdorn stärkte mit einer breiten Offensive die Position des Weltmarktführers Heideldruck durch übernahmen und Kopperationen etwa mit Microsoft oder Kodak.
· Größter Erfolg bei AirbusUnter Jürgen Schrempp übernahm Mehdorn bei der Deutschen Airbus GmbH (DA) das Ressort Luftfahrt. Als "leidenschaftlicher Techniker und hervorragender Organisator", wie das Munzinger-Archiv schreibt, baute Mehdorn die DA zu einer effizienten Flugzeugfabrik um, Vorraussetzung dafür, dass Teile des Airbus auch in Deutschland montiert wurden. Als Jürgen Schrempp 1995 Daimler-Chef wurde, galt Mehdorn als sein Nachfolgekandidat. Es kam aber anders...
· Karriere bei Airbus1979 rückte Mehdorn in den Vorstand der Airbus-Holding in Toulouse ein, wo er Produktion, Einkauf und Qualitätssicherung verantwortete. 1984 ging er zurück zu seiner alten Firma, die inzwischen Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB) hieß, wo er ab 1986 der Geschäftsführung angehörte. 1989 ging MBB in der Deutschen Aerospace AG (DASA) auf, die zum Marktführer in Deutschland wurde. Mehdorn wurde bei der DASA Geschäftsführer der deutschen Airbus GmbH und ab 1992 Vorstandmitglied.
· Die ersten Airbus-JahreMehdorns Arbeitgeber, inzwischen unter dem Namen Vereinigte Flugtechnische Werke (VFW), war Teil des 1970 gegründeten Airbus-Konsortiums mehrerer europäischer Hersteller. Dort leitete Mehdorn ab 1974 ein Programm für die Serienfertigung der ersten Airbusse , A 300 genannt.
· Einstieg in die LuftfahrtbrancheMehdorn, der als Reserveoffizier der Bundesluftwaffe zum Hauptmann aufgestiegen war, begann 1965 beim Bremer Flugzeughersteller Focke-Wulf. Dort wirkte er an der Entwicklung eines ersten deutschen Zivil-Jets mit, die jedoch fehlschlug.
· AusbildungMehrdorn ging auf vier verschiedene Schulen und studierte ab 1961 in Berlin Maschinenbau. Nebenher arbeitete er im Betrieb des Vaters.
· HerkunftHartmut Mehdorn wurde am 31. Juli 1942 in Berlin als Sohn eines Fabrikanten geboren. Die konfessionslose Familie flüchtete während des Krieges nach Bayern, wo der Vater 1948 eine Fabrik für Kunststoff-Spritzgussteile gründete.
Quelle:
http://www.handelsblatt.com